Tag 15 – Die Polarkreistaufe – Wenn Neptun an Bord kommt

Bilder: Paula Baierlein

Kurz vor dem Schlafengehen scherzte Josefa noch mit Marin, wie lustig es wohl wäre, wenn es für das Übertreten des Polarkreises eine ähnliche Tradition gäbe wie die berüchtigte Äquatortaufe. Marin murmelte daraufhin nur etwas von „Neptun“ und dass er das Boot taufen müsse, wenn es das erste Mal diesen magischen Breitenengrad erreicht. Da Marin sonst eher die Ernsthaftigkeit in Person ist, hielten wir das Ganze schlicht für einen weiteren Sarkasmus-Witz und kuschelten uns in die Kojen.

Es sollte anders kommen.

Wenig später, kurz nach Mitternacht, riss uns ein lauter Trompetenstoß und heftiges Klopfen aus dem verdienten Schlaf. Eine fremde Gestalt polterte an die Kojen Tür und forderte uns mit Nachdruck auf, sofort in den Common Room zu kommen. Josefa verdrehte im Halbschlaf nur die Augen: „Marin macht nur einen Joke,, lass einfach weiterschlafen.“

Ich hingegen war sofort auf Alarmstufe Rot. Da ich die Stimme erkannt hatte und Marin normalerweise niemals so einen Aufstand macht, war ich mir sicher: Das ist ein Notfall. Ich fluchte leise, schnaufte wütend und drohte im Halbdunkel schon, dass ich stinksauer sein werde, wenn das jetzt ein mieser Witz ist – ich hatte doch gerade erst mühsam in den Schlaf gefunden!

Dann klopfte es noch mal, gefolgt von einer lauten Tröte und der Nachricht: „Alle sind im Common Room und warten auf euch, beeilt euch!“

Grummelnd und noch halb im Traum folgten Josefa und ich dem langen Flur aus unserer Koje vorbei an der Küche und den anderen – inzwischen völlig leerer – Kojen. Schon aus dem Common Room drang lautes Gelächter an unser Ohr. Als wir eintraten, trafen wir fast der Schlag: Vor uns stand eine absolut bizarre Gestalt.

Es war Marin – oder besser gesagt: König Neptun persönlich. Er hatte sich die langen, roten Haare nach vorne gebunden, wodurch sein Bart noch gigantischer wirkte. Darunter trug er unser Kampagnen-Shirt, mit einem Kissen so vollgestopft, dass sein Bauch prall und rund wirkte, gekrönt von einem knallbunten Hawaii-Shirt und dem Bootshaken in der Hand. Erst auf den zweiten Blick entdeckte man das Detail im Bart: Frischer Kelp war kunstvoll darin eingeflochten. Das Ganze wirkte wie ein surrealer Fiebertraum.

Neben mir stand Lea, äußerst skeptisch, und kommentierte die Szene trocken mit den Worten: „Deswegen habt ihr mich also geweckt?“

Gegenüber saßen Lucas, Eddy und Thepi, die sich vor Lachen kaum noch auf den Bänken halten konnten.

Und dann legte Neptun los. Mit tiefer, fast weihnachtsmannartiger Stimme rief er: Welcome to the Arctic Circle!“

Er erklärte, dass man eine harte Prüfung bestehen müsse, um ab hier weitersegeln zu dürfen. Er zog den Kelp aus seinem Bart und sagte – haltet euch fest: „Jeder muss einmal von diesem Kelp abbeißen und essen, sonst ist man nicht gewappnet für das arktische Meer!“

Ohne mit der Wimper zu zucken, bot Neptun das Stück direkt seinem Kapitän an, der es ohne zu zögern verspeiste, reichte es weiter an seine Ehefrau, Thepi – es war an Absurdität nicht zu überbieten. In diesem Moment war ich mir zu 100 % sicher, dass ich träumte. Antonius hielt die ganze Zeit die Kamera drauf, während das Kelp-Blatt in einer rituellen Zeremonie weitergereicht wurde, die Beweis Fotos werden noch folgen.

Schließlich landete es bei Lea und mir. Mit einer gesunden Mischung aus Ekel und Entschlossenheit biss ich widerwillig ab. Neptun kommentierte das trocken mit den Worten: „Kelp ist ja auch glutenfrei und vegan!“ Spätestens da gab es kein Halten mehr, alle brüllten vor Lachen – bis auf Lea, die immer noch kopfschüttelnd darüber nachdachte, ob wir uns jetzt alle eine Iod-Vergiftung holen und auch uns alle mit dem Erkältung-Virus anstecken würden. Um den Kreis zu schließen, biss auch sie schließlich in das untere Stück.

Nachdem Neptun uns und die Malizia Explorer feierlich gesegnet hatte, zog er hinaus an Deck in die finstere Nacht. Zurück kam Sekunden später ein völlig belustigter Marin, der von nichts wusste.

Neugierig, wie wir waren, musste ich das am nächsten Morgen erst mal googeln: Und tatsächlich! Nach altem Seglerbrauch darf eine Person, die den Polarkreis bereits passiert hat, die Crew im Namen von Neptun taufen. Das soll dem Schiff Sicherheit und Bestand auf hoher See sichern. Was für ein absurder, aber grandioser Moment – und wieder einmal ein absolutes Teambuilding-Highlight, das wir so schnell nicht vergessen werden!

-Annkatrin Reitz

 

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