Gestern gegen 12:00 Uhr erreichten wir das Gulen Dive Center – begleitet von großartigen Manövern der Crew beim Anlegen. Die Malizia Explorer ist 26 Meter lang und das Dock maß gerade einmal 30 Meter. Das bedeutete: Unser Kapitän brauchte eine Menge Fingerspitzengefühl! Marin, unser Erster Offizier, zeigte auch uns als Team, wie man an so einer Art von Dock richtig anlegt. Viele von uns beherrschen nach diesem Tag den Leinen-Weitwurf einwenig besser.
Vor Ort wurden wir von Sarah, Richard und Frank herzlich in Empfang genommen. Nach den intensiven Tagen der Transitfahrt brannte das gesamte Team darauf, endlich ins Element abzutauchen und die biologische Vielfalt zu beobachten. Die allerersten Stunden auf dem norwegischen Festland vergingen für die meisten von uns wie im Flug:
Wir sortierten das Equipment, erkundeten die Tauchstation und studierten die detaillierten Gewässerkarten der Region – besonders im Hinblick auf Strömungen und lokale Indikatorarten, allen voran die kleinen Nudibranchs (Meeresnacktschnecken) und natürlich die Kelpbestände.
Nach der Einweisung teilten wir uns in zwei Teams auf: ein Schnorchelteam, auch Team Suppe genannt, bestehend aus Josefa, Toni, Tonya und Karlotta sowie ein Scuba-Tauchteam mit Lea, Luisa, Antonius und mir. Obwohl dem Schnorchelteam zu Beginn recht gedämpfte Erwartungen hinsichtlich der Unterwassersicht genannt worden waren, übertraf der Einsatz alle Hoffnungen. Trotz vergleichsweise dünnen 5-mm-Neoprenanzügen hielten sie es fast eine volle Stunde im kühlen Nordmeer aus und kehrten mit leuchtenden Augen an die Oberfläche zurück – begeistert von Sichtungen ganzer Fischschwärme, filigranen Hydrozoen, Seescheiden und Quallen.
Für das Tauchteam – bestehend aus zwei Trockentauchern und zwei Taucherinnen in Nassanzügen – folgte vor dem Einstieg ein professionelles Sicherheitsbriefing durch Richard. Als Dive Tech Master mit beeindruckenden 6.043 Tauchgängen führte er uns ein weiteres Mal präzise durch alle Vorkehrungen, bevor Antonius mit seiner tollen Unterwasser-Kameraausrüstung vorausging. Nach einer kurzen Korrektur meiner Bleimenge beim Abtauchen sammelte sich das Team auf fünf Metern Tiefe. Bei acht bis zehn Metern Sicht entfaltete sich vor uns eine faszinierende marine Kulisse.
Neben dem küstennah vorherrschenden Blasentang (Fucus vesiculosus) – einer Braunalge mit charakteristischen Gasblasen – stießen wir rasch auf den eigentlichen Zuckertang (Saccharina latissima). Hier zeigte sich eindrücklich der ökologische Zustand des Ökosystems im Spätsommer: So weit südlich befand sich der Kelp bereits am Ende seiner Saison. Statt majestätisch aufrecht zu stehen, wirkte er vom Sommer gezeichnet und hing erschöpft zur Seite. Der Meeresboden bot dennoch eine enorme Vielfalt an Stachelhäutern, allen voran unzählige Schlangensterne mit ihren schmalen, schlangenartig beweglichen Armen. Ein ganz persönlicher Höhepunkt war für mich die Begegnung mit einer etwa 60 cm großen, perfekt im Sediment getarnten Flunder. Auch wenn Antonius sie in diesem Moment übersah, als ich auf sie deutete, blieb es ein magischer Augenblick stummer Gelassenheit zwischen mir und diesem Geschöpf.
Nach etwa 30 Minuten forderte die Kälte ihren Tribut und wir stiegen auf. Antonius und Luisa ließen sich davon jedoch nicht aufhalten: Nach dem Reinigen des Materials sprangen die beiden direkt noch einmal ins Wasser – natürlich mit ausreichend Oberflächenpause. Luisa schwärmte später voller Begeisterung von farbenprächtigen Nudibranchia – jenen Schnecken, die im Laufe der Evolution ihr Gehäuse verloren haben und nun in leuchtenden Warnfarben strahlen. Zudem entdeckten die beiden doch noch ein aufrecht stehendes Kelp-Exemplar, das dicht von strahlend weißen Seescheiden besiedelt war – sackartigen Manteltieren, die kontinuierlich Nährstoffe aus dem Wasser filtern.
Gulen hat uns einen fantastischen Auftakt beschert. Nach einer ersehnten warmen Dusche für alle lassen wir den Abend nun entspannt bei Telefonaten mit unseren Liebsten zu Hause – oder besser gesagt: auf der Malizia Explorer? – ausklingen, während Antonius bereits die ersten Aufnahmen sichert. Die Dankbarkeit an Bord ist riesig – die Suche nach dem Kelp hat spätestens jetzt offiziell begonnen.
Wie schon erwähnt, sind wir aktuell dabei, die Fotos und Aufnahmen aufzubereiten, und werden sie in den kommenden Tagen mit euch teilen.
– Annkatrin Reitz




Arrival in Gulen, Richard, Dive Center, Frank


Team Suppe, Team Suppe auf Expedition zur Insel






Annkatrin in Ausrüstung vor den Tauchgängen, das ganze Tauchteam, Antonius säubert sein Equipment, Luisa und Antonius nach dem zweiten Tauchgang, Luisa säubert ihren Anzug
Bilder: Paula Baierlein