Ich habe mich heute gefragt, was Lars sich gedacht hat, als er Janosch das Zuckertang-Blatt in die Hand gedrückt hat und wir in Jubel ausgebrochen sind.
Wir sind zu Besuch im Atlantikpark (norw.: „Atlanterhavensparken”), einem Aquarium hier in Ålesund. Aquarien, das ist immer so eine Sache. Tiere in Gefangenschaft zu erleben, schmerzt einen jeden Naturschützer. Doch die Neugier hat uns gepackt: Wir wollen Kelp sehen und die Tiere, die darin leben. Wir wollen etwas lernen und mit Menschen reden, die sich auskennen. Nach unserem Anruf am Morgen, ob es denn jemanden gäbe, der uns etwas zu den Tieren und Algen erzählen könne, waren wir vorsichtig optimistisch, dass wir hier fündig werden. Dass dann direkt Lars am Eingang auf uns wartet, ist ein absoluter Glücksgriff.
„STAFF –just ask!” steht auf dem blauen Fließpulli von Lars Fauskanger. Diese Aufforderung nehmen wir wörtlich. Er hat Teile der Aquarien selbst mitgestaltet und ermöglicht es uns sogar, hinter die Kulissen des Betriebs zu schauen. Wir dürfen durch Türen gehen, die Besucher:innen sonst verschlossen bleiben, schauen von oben in Becken mit Kabeljau, Oktopoden und Seewölfen und bekommen sogar das Labor erklärt, in dem Salzkrebschen (Artemia) als Futter für das geplante Quallenbecken und die Larvenaufzucht gezüchtet werden.
Lars hat hier vor drei Jahren angefangen zu arbeiten, während seines Studiums „Marine Innovation”. Seit zwei Jahren ist er Vollzeit angestellt und kümmert sich um die Aquarien, Fische und alle anderen Lebewesen darin – mit gerade mal Mitte 20.
Dann gehen wir nach draußen. Der Regen fällt schleierartig auf uns herab. Am Rand des großen Fischbeckens greift Lars Fauskanger nach einem Seil. Als er es hochzieht, hängen daran sicher mehrere Kilogramm Kelp..
Viele Kelp-Algen gehen im Sommer zurück: Es wird wärmer und die Sonne scheint intensiver. Ähnlich wie Bäume im Herbst ihre Blätter verlieren, gibt es im Sommer weniger Kelp. Das haben wir schon beim Schnorcheln bemerkt.
Hier im Atlantikpark wachsen die Braunalgen jedoch noch. Durch die Wasseroberfläche können wir die braunen Blätter erahnen. Es handelt sich um Zuckertang: Ein Blatt länger als ein Meter, grün-bräunlich gefärbt, hat er eine glatte aber wellige Oberfläche. Die Form erinnert an Fondant-Verzierungen auf Torten oder Seidenchiffon an Ballettröcken.
Dieses Fischbecken, an dessen Rand wir im prasselnden Regen stehen, gehört zu den größten Salzwasserbecken Europas. Es fasst vier Millionen Liter. Das Meerwasser wird durch Rohre 800 Meter weit aus 40 Metern Meerestiefe gefördert und ungefiltert in stetigem Strom zu den Tieren und Algen geleitet. So kommt auch der Kelp hier rein. „We have never introduced kelp to this tank. And there’s been water in here since 1998.” Der Kelp wächst hier also völlig selbstständig. Das Team des Aquariums hat sich das mit einem schlauen Kniff zunutze gemacht: Oberhalb der Glasscheiben, durch die die Besucher:innen ins Fischbecken staunen, hängen Seile, an denen der Zuckertang mit seinen Haftkrallen andockt. Wie ein Vorhang hängen die Algen dann am oberen Scheibenrand und rahmen das Bild von Seelachs, Kabeljau und Heilbutt ein.
„Lars, it’s a random question, but can we take it with us?”, fragt Kat. „Of course!”, antwortet er und lacht. Von den Seilen pflückt Lars uns großzügig ein paar Exemplare.
Kelp, den wir dann als Anschauungsmaterial für unsere Videos nutzen können. Janosch greift nach dem Blättern, wir bedanken uns überschwänglich.
Manchmal wächst der Kelp zu schnell, dann muss Lars die Algen beseitigen: “I’m almost like a farmer, I’m just taking it out and tossing it away”. Kelp hat das Aquarium also genug. Unser Glück. Dann lässt uns Lars allein. Fast zwei Stunden hat er uns jetzt herumgeführt, irgendwann muss er wohl auch mal zurück an die Arbeit. Den Rest des Aquariums erleben wir wie die anderen Besucher nur, dass wir dabei eine weiße Plastiktüte mit algigem Inhalt mit uns durch die Ausstellung tragen.
-Karlotta Hamburg